Schwanger trotz Spirale

View of examination during pregnancy with stethoscope

Schwanger trotz Spirale

Verfasst von am 16. Juli 2015 in Medizinrecht

In der heutigen modernen Zeit muss keine Frau schwanger werden, wenn sie das nicht möchte. Die Verhütungsmethoden sind zahlreich, angefangen mit der Pille, über Kondome bis hin zur Dreimonatsspritze. Auch die Verhütung mit Hilfe einer Spirale ist für elf Prozent der deutschen Frauen die erste Wahl. Obwohl jede dieser Verhütungsmethoden als äußerst zuverlässig eingestuft wird, kann eine  hundertprozentige Sicherheit vor einer Schwangerschaft nicht garantiert werden. Erst recht nicht, wenn die Mittel nicht korrekt angewandt werden. So kommt es schon einmal vor, dass Frauen ihre Pilleneinnahme vergessen oder aber der Arzt die Spirale falsch einsetzt. In solchen Fällen kann die empfängnisverhütende Wirkung beeinträchtigt werden und es möglicherweise zur Schwangerschaft kommen. Muss der Arzt in einer derartigen Situation für seine fehlerhafte Behandlung haften oder kann er nicht zur Verantwortung gezogen werden?

Schwanger trotz Spirale

Geklagt hatten eine Patientin und ihr Lebensgefährte, weil die Frau schwanger wurde, obwohl ihr der Gynäkologe eine Spirale zur Verhütung eingesetzt hatte. Zwei Jahre nach dem Einsetzen wurde die Klägerin schwanger und brachte eine gesunde Tochter zur Welt. Da sie der Auffassung war, dass der Arzt die „Anomalie einer doppelten Vagina und Uterus“ bei der Ultraschalluntersuchung hätte erkennen und daraufhin vom Einsetzen der Spirale abraten müssen, forderte sie von diesem Schadensersatz, unter anderem Verdienstausfall von rund 28.000 Euro sowie Schmerzensgeld in Höhe von 5.000 Euro und zudem den Ersatz von Betreuungs- und Unterhaltsleistungen für die Tochter, bis diese volljährig ist.

Keine Arzthaftung für Diagnoseirrtum

Das Oberlandesgericht Hamm hat die Klage nach Einholen eines Sachverständigengutachtens abgewiesen. Der beklagte Arzt habe keinen Befunderhebungsfehler begangen. Er hat alle Untersuchungen durchgeführt, die im Rahmen des Einsetzens der Spirale notwendig waren. Für das Vorliegen der Anomalie gab es bei der Klägerin im Vorfeld keine Hinweise, weshalb der Arzt auch nicht spezifisch nach einer solchen hätte suchen müssen. Der beklagte Gynäkologe muss auch nicht für eine falsche Diagnose haften. Durch das Ziehen eines falschen Schlusses nach einer gründlichen Untersuchung hat der Arzt einen Diagnoseirrtum begangen, der für sich nicht haftungsbegründet ist. Erst bei einem Diagnosefehler muss der Arzt haften, wenn also die Diagnose zum Behandlungszeitpunkt nach Ansicht eines gewissenshaften Mediziners nicht vertretbar ist. Das war nicht der Fall, wie die Gutachten der Sachverständigen bestätigten. Die Anomalie der Frau sei sehr selten und bei einer Spiegelung in der Regel nicht erkennbar. Den Arzt treffe keine Schuld, zumal sich die Frau bereits jahrelang in frauenärztlicher Behandlung befand und es zu keinem Zeitpunkt Anhaltspunkte für eine bestehende Anomalie gegeben habe.

 

  • Quelle: Pressemitteilung des Oberlandesgerichts Hamm vom 08.06.2015; AZ: 26 U 2/13